Er will eine offene Beziehung. Was nun?

von | Mrz 26, 2019

Er will eine offene Beziehung. Die totale Überforderung.

Dein Partner hat dir gesagt, dass er eine offene Beziehung will.
Oder du hast jemanden neu kennen gelernt und derjenige sagt dir, dass eine Beziehung mit dir haben will, aber nur offen.
Das ist ein Schock. Deine erste Reaktion ist Wut, Trauer, tiefe Enttäuschung, Panik. Vielleicht brichst du in Tränen aus, beschimpfst ihn, schlägst um dich oder wirst völlig apathisch.
Du befindest dich in einer Ausnahmesituation.
Was nun?

Wenn ihr schon sehr lange zusammen seid, dann bricht für dich vielleicht eine Welt zusammen.

Obwohl noch nichts passiert ist, kommst du dir betrogen vor.
Deine Realität gerät aus den Fugen.
Was, wenn hinter deine Rücken schon etwas stattgefunden hat?
Du fängst an alles zu hinterfragen, zu zweifeln.
Wie lange überlegt er das schon?
Gibt es jemand anderen? Bin ich nicht genug? Was habe ich falsch gemacht? Wieso habe ich das nicht mitbekommen? Wie kann er nur? Nach all den Jahren.
Ich teile mit dir meine eigene Erfahrung, denn gut möglich, dass du dich darin wieder findest.

Nicht genug sein. Ein Erfahrungsbericht.

Als ich mich auf den Weg in eine offene Beziehung gemacht habe, habe ich erst richtig gemerkt, wie klein und abhängig mein Selbstwertgefühl war. Ich habe alles auf mich bezogen.
Wenn er jemand anderen will, dann bin ich wohl nicht gut genug.
Wenn er Sex mit jemand anderem braucht, dann liebt er mich wohl nicht.
Ich reiche nicht.
Ich kann niemanden glücklich machen.
Ich. Bin. Nicht. Gut. Genug.

Ich habe mich mit diesen Gedanken gegeißelt.
Das schlimmste war, mir wurde klar, dass nicht er das von mir dachte. Sondern ich das selber von mir dachte.

Ich war der Überzeugung, dass ich nicht gut genug war.

Mir wurde diese Tatsache so heftig ins Gesicht geklatscht, dass ich sie nicht ignorieren konnte.
Jahre später weiß ich, es war das größte Geschenk.
Denn so konnte ich erkennen, was ich wirklich von mir dachte. Ich hielt mich immer für relativ selbstbewusst, aber habe gemerkt, tief in mir drinnen war ich der Überzeugung ich reiche nicht.
Das hat sich im Außen gespiegelt. So und nur so wurde mir dieser Glaubenssatz bewusst und ich konnte anfangen ihn zu verändern.

Ich kenne deine Wut, deine Traurigkeit, deine Enttäuschung und kann sie verstehen.

Du liest diesen Artikel aus einem bestimmten Grund. Weil du bereit bist dein Leben in die Hand zu nehmen und deine eigenen Entscheidungen zu treffen. Deine Gefühle sind eine Botschaft und ein Geschenk. Lass uns also anfangen sie zu entschlüsseln und auszupacken und mit der Situation klar zu kommen.

Abstand nehmen von Normen

Die meisten Beziehungen fangen als monogame Partnerschaft an. Das bezeichnen wir heutzutage als normal, moralisch und erstrebenswert. Viele Menschen glauben, dass es den einen richtigen Partner gibt, die einzig wahre Liebe. Mit dem alle Interessen für andere verfliegen und mit dem alles anders ist.

Doch was ist, wenn das Ideal nicht auf alle Menschen zutrifft?

Es gibt viele verschiedene Formen, wie man persönlich und als Paar wachsen kann.
Eine Form ist die Monogamie. Natürlich kann es sehr erfüllend sein, deine Aufmerksamkeit, Liebe und Sexualität auf einen Partner zu richten. Aber das ist nicht die einzige Möglichkeit eine glückliche und erfüllte Beziehung zu führen.
Wenn du das Gefühl hast, du willst vielleicht auch eine offene Beziehung führen, dann lass das Schubladen-Denken hinter dir.
Vergiss die Hollywood Filme und so ziemlich alles, was du je über Liebe gelernt und gesehen hast. Wenn du eine offene Beziehung willst, dann sei wie ein weißes Blatt und fange an deine eigene Liebes-Welt zu malen.

Das Warum verstehen: Warum will er eine offene Beziehung?

Wenn du ernsthaft Interesse an diesem Menschen hast, dann nimm sein Bedürfnis ernst.
Höre dir an, was seine Ideen, seine Bedürfnisse, seine Wünsche sind. Vielleicht merkst du, dass seine Worte dich verletzen und verunsichern und du willst wegrennen. Bleib erstmal da. Höre zu. Versuche das wirkliche Warum dahinter zu verstehen.
So eine Konversation kann mit vielen Missverständnissen einhergehen. Z.B. wenn du deine Ansicht als die selbstverständliche Wahrheit annimmst

Tipp: Wiederhole das, was du gehört hast, ganz ruhig in deinen eigenen Worten.

“Habe ich richtig verstanden, dass…”, “Meinst du damit…”
Es ist nicht einfach die Welt des anderen zu verstehen. Gebt euch Zeit und erlaubt euch mehrere Male nachzufragen, bis wirklich klar ist, was der andere gemeint hat.
Möglicherweise weichen eure Bedürfnisse stark voneinander ab. 

Tipp: Vergleiche die Bedürfnisse nicht.

Vielleicht brauchst du gar keine sexuelle Offenheit für dich selber und kannst das Bedürfnis daher nicht verstehen. Mach nicht den Fehler anzunehmen, dass dein Partner dich nicht liebt, weil er andere Bedürfnisse hat. Das muss in keinster Weise der Fall sein.
Ich weiß, das ist das schwierigste von allem und der Knackpunkt, ob eine offene Beziehung möglich ist oder nicht. Wenn du es schaffst in deinen Bedürfnissen klar zu sein und gleichzeitig akzeptieren kannst, das dein Partner andere Bedürfnisse hat, dann stehen alle Türen offen.

Die eigenen Bedürfnisse kennen: Willst du eine offene Beziehung?

Okay, du hast dir angehört, warum dein Partner eine offene Beziehung will. Du hast ihn im besten Fall sogar verstanden.
Jetzt geht es um dich.
Was willst du?
Was sind deine Bedürfnisse?
Was sind deine Vorstellungen von einer glücklichen Beziehung, von Liebe, von Glücklichsein?

Tipp: Nimm dir einen Zettel und Stift und schreibe es auf.

In jedem Detail, wie stellst du dir eine glückliche Beziehung vor?
Und dann geh deine Notizen durch und sei ganz ehrlich mit dir.
Was davon kommt von deinem Herzen und was ist eine antrainierte, konditionierte Vorstellung dessen, wie eine Beziehung zu sein hat?
Fange von vorne an, wenn alles möglich wäre, wenn alles einfach funktionieren würde, wie würde deine glückliche Beziehung dann aussehen?

Vielleicht kommst du zu dem Ergebnis, dass du keine offene Beziehung willst.

Das ist vollkommen okay. Wenn dein Herz dir sagt, dass du für den Rest deine Lebens mit einem Partner monogam zusammen sein willst, dann nimm es an. Sei dir treu und steh dazu.
Vielleicht kommt aber auch eine gewisse Neugier auf, ein Reiz, eine kleine Aufregung, ein was wäre wenn. Nimm das wahr und nimm es ernst.

Tipp: Wenn du noch nicht meditierst, ist das ein guter Zeitpunkt anzufangen.

Nimm dir 10-20 Minuten Zeit.
Setz dich aufrecht hin und schließe die Augen. Richte deine Aufmerksamkeit auf deinen Atem.
Wenn Gedanken kommen, dann lass sie los und konzentriere dich wieder auf den Atem.
Nach ein paar Minuten frage dich selbst “Will ich eine offene Beziehung?” und lasse dich überraschen, was an die Oberfläche kommt.

Kommunikation ist in einer offenen Beziehung alles

Er will eine offene Beziehung, aber nicht darüber reden. Das wird zum Problem.
Eine offene Beziehung braucht eine ehrliche und gute Kommunikation als Grundlage. Ohne das wird es schwierig.
Das heißt nicht, dass es nicht mal laut wird oder ihr nie streitet und jederzeit in der Lage seid eure Gefühle perfekt zu kommunizieren. Im Gegenteil, das ist alles Teil des Prozesses.
Dennoch braucht es eine Bereitschaft einander zuzuhören und vor allem die eigenen Sichtweisen und Gefühle in Worte zu packen.
Wenn ihr dabei Schwierigkeiten habt, dann kann euch mein Artikel „Wie kann ich eine offene Beziehung ansprechen“ vielleicht helfen.
Dort gibt es viele Tipps, wie man Klarheit für sich selber bekommen kann und wie man seine Bedürfnisse kommuniziert und einander unterstützen kann.

Eigentlich willst du lieber wegrennen?

Du hast wahrgenommen, dass auch bei dir eine gewisse Bereitschaft da ist. Oder zumindest keine strikte Ablehnung?
Die Versuchung ist groß vor dieser so großen Veränderung einfach wegzurennen und sie zu ignorieren. Veränderung macht immer Angst.
Ungewissheit ist gruselig.
Unsicherheit ist unangenehm.
Aber du bist in dieser Situation aus einem Grund. Das Leben gibt dir eine Chance auf Weiterentwicklung.
Ein Teil sträubt sich dagegen, denn in deinem jetzigen Leben ist es so schön komfortabel und überschaubar, du hast es im Griff.

Den Schritt zu wagen etwas Neues in dein Leben zu lassen erfordert Mut.

Es erfordert Vertrauen in dich und das Leben selber.
Der erste Impuls ist vielleicht Flucht.
Doch was sagt deine Intuition?
Fühlst du auf einer tieferen Ebene, dass dieser Weg für dich ist?

 

Er will eine offene Beziehung. Warum du NEIN sagen solltest.

Du liebst diesen Menschen. Während der Übung hast du aber gemerkt, dass es absolut nicht dein Weg ist.
– Kein Fünkchen Neugier steigt in dir auf, kein noch so kleines eigenes Interesse an einer offenen Beziehung
– du kannst absolut kein Verständnis für die Bedürfnisse deines Partners aufbringen

Wenn diese zwei Punkte zu 100% zutreffen, dann ist eine offene Beziehung wahrscheinlich nicht dein Weg und das ist völlig in Ordnung.

Doch sei wachsam und radikal ehrlich mit dir.

Die Versuchug sich aus der Affäre zu winden und sich einzureden, dass das absolut nicht dein Thema ist, ist groß. Lass nicht die Angst vor Veränderung dein Leben bestimmen.
Wenn dir das Thema offene Beziehung oder Fremdgehen und Untreue immer wieder in deinem Leben über den Weg laufen, dann ist das eine Botschaft für dich. Du ziehst diese Menschen und Situationen nicht aus Zufall in dein Leben. Du kannst wieder davor weglaufen und dich verschließen oder du kannst erforschen, was du daraus lernen kannst.
Wenn du mit dir im Reinen bist und ganz klar weißt, du willst keine offene Beziehung, dann sage nein dazu.
Möglicherweise heißt das in letzter Konsequenz, dass du deinen Partner verlieren wirst.
Sage nicht ja, wenn du es nur ihm zu liebe tust und um ihn nicht zu verlieren. Gib dich nicht selber auf, werde dir nicht selber untreu aus Angst ihn zu verlieren. Wenn du diese Tendenzen hast, dann bist du möglicherweise zu einem gewissen Grad emotional abhängig. Lese hier mehr über emotionale Abhängigkeit.

Er will eine offene Beziehung. Warum du JA sagen solltest.

Dieser Weg kann der größte Entwicklungsschritt in eurer Beziehung sein. Mehr Verbundenheit, mehr Freiheit, mehr und eine ganz andere Form von Liebe zueinander, eine nie dagewesenen Entspanntheit und Innigkeit.
Du konntest dieses Potenzial bereits in dir spüren, vielleicht in einer Meditation oder auch nur ganz klein und fein in dir drinnen, vergraben unter den ganzen Ängsten und Fluchtreflexen?
Oder du merkst, du hast diese ganzen Bedürfnisse nach Sexualität mit jemand anderem im Moment nicht, aber du verstehst deinen Partner. Du schätzt seine Ehrlichkeit und seinen Mut. Zwar hast du noch nie über diese Option nachgedacht, aber du fühlst, eure Liebe wird dadurch nicht weniger.

Mag sein, dass diese Offenheit ziemlich verdeckt in dir schlummert.

Gib dir Zeit.
Überstürze nichts, lass die neuen Informationen erstmal sacken.
Eine Entscheidung muss nicht von heute auf morgen her.
Du darfst dir von deinem Partner auch so viel Bestätigung und Unterstützung holen wie du brauchst. 
Frage danach, es ist kein Zeichen von Schwäche. 
Aber drück dich nicht davor. Warte nicht darauf, dass Zeit vergeht und das Thema unter den Teppich gekehrt wird.
So oder so wird es dich immer wieder einholen. Wenn nicht jetzt dann auf eine andere Art und Weise. Stell dich, geh in die Angst hinein. Ich weiß, du kannst das. Es ist deine Chance. Sag ja, wenn du so weit bist. Und auch wenn du denkst, du bist es noch nicht.

Du bist nicht alleine

Ich bin durch all das gegangen, den ganzen Schmerz, all die Zweifel, das Welt auf den Kopf stellen, am Boden zerstört sein, irritiert und hin und her gerissen sein.
Ich sage dir, all deine Gefühle sind okay.
Es ist okay zu toben, zu weinen, sich zu verkriechen, zu verzweifeln.
Glaube mir, dir passiert das nicht aus Zufall und nicht um dein Leben zu zerstören. Es gibt einen Grund und es gibt einen Weg.
Wie auch immer der für dich aussehen mag, es ist dein Weg.
Ich weiß, du kannst ihn gehen.

Impressum Datenschutzerklärung

© Kathrin Weidner, 2018