Betrogen werden

von | Feb 15, 2021

Wie fühlt es sich an betrogen zu werden?

Betrogen zu werden ist ein vernichtendes Gefühl. Es gleicht einem Realitätsverlust und reißt dir den Boden unter den Füßen weg. Du befindest dich in freiem Fall, nichts ist so wie du geglaubt hast dass es ist.

Da ist natürlich die Enttäuschung, der Schmerz, der körperlich spürbar ist. Das Herz schmerzt, der Kopf glüht und er kann die neue Realität nicht so richtig fassen. Deine Gedanken arbeiten auf Hochtouren und versuchen zu verstehen, was da passiert ist.
Nun kommt ans Licht, dass die Wahrheit die ganze Zeit eine andere war. Die Täuschung fliegt auf.

Wie konnte ich das nicht sehen, fragst du dich. Vielleicht kommst du dir unglaublich dumm vor und denkst, alle wussten es außer dir. Scham und ein Gefühl von Peinlichkeit kommt auf. Haben es alle gewusst, haben es alle kommen sehen und mich für naiv und dumm gehalten? Was die anderen wohl über mich denken?
Ich kam mir damals vor wie eine Gebranntmarkte. Jetzt gehörte ich auch zum Club der Betrogenen. Diese Erfahrung würde ich nie wieder loswerden, dachte ich, die Unschuld ist vorbei.

Das Gefühl nicht mehr zu wissen auf was du vertrauen kannst ist quälend. Was von unserer Beziehung war überhaupt wahr? Was war Show? War nicht alles andere auch eine Lüge von Anfang an?
Vielleicht ist da auch ein Gefühl von Bestätigung, ein leises, eigentlich hab ich’s immer schon gewusst und wollte es nur nie wahrhaben.
In meinem Fall gesellte sich ganz fein und bei all dem Drama kaum wahrnehmbar ein Gefühl von Erleichterung dazu. Endlich ist es raus, denn das Demoklesschwert schwebte schon viel zu lange unbeachtet über uns.

Wie reagiert man aufs Betrogen werden?

Manche reagieren mit Toben und Schreien und weinen Tränen der Wut.
Andere ziehen sich vielleicht in ihrem Schmerz in sich zurück. Machen dicht, sind äußerlich kalt und leiden leise.

“Ich hab ihn rausgeschmissen. Hab seine Sachen in Plastiktüten gepackt und sie ihm quasi vor die Tür gestellt. Mein Drama hat mir nicht geholfen. Frei war ich dadurch nicht. Im Gegenteil. Es fühlte sich oberflächlich an. Als würde ich irgendeine Rolle spielen, die ich mir in zahllosen Filmen abgeschaut habe. Ich spielte das Opfer, die Betrogene, die dumme, naive Kuh. Nichts davon fühlte sich authentisch an. Ich erfuhr es, fiel aus allen Wolken, rauchte filmreich eine Zigarette, obwohl ich nie rauche. Schrie und tobte als ich ihn konfrontierte, inszenierte das perfekte Drama. Inklusive Rauswurf, Klamotten in Säcke packen und vor die Tür stellen. So musste ich doch reagieren oder? Das machte man doch so in so einer Situation, oder nicht?
Nichts davon war ich. Ich wusste nicht, was zu tun war und kopierte einfach das, was ich im Laufe des Lebens aufgeschnappt hatte.
Dass ich neben all dem Schmerz und der Enttäuschung auch ein Gefühl von Erleichterung hatte, ignorierte ich. Dass es einen Teil von mir gab, der das alles nüchtern und ruhig beobachtete, hab ich nicht in mein Bewusstsein dringen lassen.
So verging die Chance diese Situation authentisch und in allen Facetten zu erleben.”

Betrogen werden – was tun?

Die gnadenlose Wahrheit ist: du hast immer einen Anteil an dem was dir passiert.
Ich lade dich ein, deinen Schmerz, dein verletztes Ego und die Enttäuschung für einen Moment auf Pause zu stellen.
Ich lade dich ein, dich für einen Moment dem Konzept der Eigenverantwortung und co-Kreation zu öffnen.

Hier ist das Bild, das ich, nachdem ich betrogen wurde, von mir zeichnete.

„Ich war das Opfer, die unschuldige, treue, loyale Freundin, die sich in der Beziehung aufopferte, aufrichtig liebte und eine moralisch einwandfreie Weste hatte. Ich war das arme Lamm, das nun leiden musste, weil ich reingefallen war auf eine falsche Wahrheit.
Die Wahrheit ist: ich habe das, was mir widerfahren ist mit kreiert.“

Man nennt das co-Kreation. Das bedeutet, dass du, egal was dir passiert, einen Beitrag dazu leistest. Du ziehst diese Erfahrung in dein Leben. Du gibst die Erlaubnis dafür, dass dir dieses Ereignis widerfährt.

In meinem Fall habe ich monatelang die Augen verschlossen. Ich hab nicht zugelassen, dass wir eine authentische Beziehung leben, die auf Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit beruht. Ich wollte die Wahrheit gar nicht hören, weil ich gar nicht mit ihr klar gekommen wäre. Da war keine Offenheit für eine andere Sichtweise als meine, keine Kommunikation, kein echtes Zuhören. Mit zahlreichen Streits, Drama und Diskussionen wollte ich die ganze Zeit erzwingen, dass wir meine Vorstellung von Beziehung leben. Da war kein Platz für etwas anderes und für das, was wirklich ist. Ich hatte keine Toleranz für andere Vorstellungen und kein Platz für andere Gefühle als die, die ich vorgab.

Mein Credo: Wenn du mich liebst, dann bin ich dir genug. Dann hast du keine anderen Bedürfnisse. Also sag mir, dass es so ist, wie ich es befehle.

Allzu oft sind wir gar nicht dazu bereit eine andere Wahrheit zu akzeptieren. Wollen nur das sehen und hören, was in unsere Idealvorstellung passt.

Sofern du auch nur ein kleines Gefühl von “ich hab’s gewusst” hast, kannst du dir sicher sein, dass du die Augen vor der Wahrheit verschlossen hattest.

Du willst aus dem Betrogen werden gesund herauskommen? Dann nimm dir ein Herz und finde heraus, wie du zu dieser Situation beigetragen hast. Sei radikal ehrlich mit dir. Lass die Opferrolle für einen Moment hinter dir.
Welche Wahrheit wolltest du nicht sehen?
Was hast du zugelassen?
Was hast du verhindert?
Wie hast du manipuliert?
In wieweit hast du die Erlaubnis dafür gegeben, dass du betrogen wirst?
Vor was hast du die Augen verschlossen?
Was wolltest du nicht wahrhaben und hast entschieden es zu ignorieren?

“Die Wahrheit, die ich nicht sehen wollte ist, dass ich mir selber etwas vorgemacht habe. Ich habe eine Rolle gespielt, habe Ideale übernommen, von denen ich dachte, dass sie meine sind, aber die meiner Persönlichkeit überhaupt nicht entsprochen haben. Was ich mir eingestehen musste war, dass ich selber überhaupt kein monogamer Mensch bin. Auch wenn ich dieses mal nicht diejenige war, die betrogen hat, bin ich nicht monogam. Da aber ich betrogen wurde, konnte ich mich in die moralisch einwandfreie Position begeben und sagen, ich hab alles richtig gemacht, an mir lag es nicht. Dass ich damit komplett an meiner eigenen Wahrheit vorbei gelebt habe, habe ich nicht einmal bemerkt.
Die Wahrheit ist, dass ich in der Vergangenheit sowohl betrogen habe, als auch mich fremdverliebt habe, als auch geflirtet habe oder mich in Tagträumen verloren habe. Wer ist also der moralischere Mensch?
Derjenige, der seine Wahrheit verweigert und sich und der Außenwelt etwas vormacht. Oder derjenige, der sich selber treu bleibt und damit mit den allgemein gültigen Ansichten kollidiert?”

Spüre einmal genau in dich hinein. Sei radikal ehrlich mit dir. Welche Gefühle hast du noch neben deiner Enttäuschung? Spürst du einen Hauch von Dankbarkeit, dass es “endlich” passiert ist? Fühlst du dich erleichtert, weil nicht du diejenige warst, die den “Fehler” begangen hat und du weiterhin eine weiße Weste hast? Hat sich die ganze Zeit schon etwas falsch angefühlt?

Fremdgehen als Chance sehen

Nicht wenige Paare erfahren einen Betrug als einen Befreiungsschlag. Schmerz und Enttäuschung weichen bald einer Erleichterung, dass alles, was sowieso morsch war nun zusammengestürzt ist. Es ist Zeit etwas Neues aufzubauen.
Der Schmerz, das Leiden bleibt für eine Weile, vielleicht sogar noch lange Zeit. Es dauert bis alle Trümmer beseitigt werden, Platz geschaffen wird für Neues. Und selbst dann ist die Wunde noch offen und reißt immer wieder neu auf. Es ist nicht leicht von Grund auf neu anzufangen.
Grundlage dieses Neuanfangs muss eine andere sein als zuvor.

Wenn du dich weiterentwickeln willst und nicht den gleichen Fehler nocheinmal begehen willst, dann kannst du deine Beziehung nicht auf dem selben Fundament aufbauen, das gerade zerstört wurde.

Baue das Fundament auf Ehrlichkeit, Offenheit, Akzeptanz und Verletzlichkeit.
Versuche nicht wieder eine Illusion aufzubauen, in der kein Platz ist für die Wahrheit.

“Das was als nächstes passiert ist, kann man nicht anders als eine zweite Chance nennen. Ich hatte das große Glück, dass wir ein Schlüssel Gespräch führen konnten. Geprägt war dies von radikaler Ehrlichkeit, Offenheit, Verletzlichkeit, zwiespältigen Gefühlen und hin- und hergerissen sein. Ein tiefer Einblick in die konfuse Gefühlswelt meines Partners, seine Verwirrung, seine Ausweglosigkeit, sein Dilemma sich selber treu zu bleiben und meine (und die gesellschaftlichen) Anforderungen zu erfüllen.
Dieses Gespräch öffnete die Tore für Empathie und Verständnis. Ich verstand ihn plötzlich, es tat mir sogar leid. Ich spürte plötzlich den Anteil, den ich an der ganzen Misere hatte. Wie ich zu dieser dazu beigetragen habe, dass uns all das passiert ist.
Neben dem ganzen Schmerz und der Enttäuschung konnte ich trotzdem noch die Liebe spüren, die von all den äußerem Drama unangetastet geblieben ist. Denn Liebe kümmert sich nicht um unsere Konzepte und Ideen von Beziehung. Sie ist einfach und sie geht auch nicht weg. Sonst war es keine Liebe.”

Was wegfällt und in tausend Scherben zerbricht, ist die Vorstellung davon wie etwas zu sein hat. Das Ideal. Das ist schmerzhaft. Denn das hast du schließlich dein Leben lang aufrecht erhalten, gefestigt und es so oft gehört, gesehen und vorgelebt bekommen, dass du gar nicht anders konntest, als es letztendlich selber zu glauben. Daran hast du dich mit aller Macht geklammert, darüber hast du dich identifiziert. Es ist ein Teil von dir geworden. Du hast es bisher nie in Frage gesellt, wie ein Naturgesetz. Es war deine Realität.

Das fällt nun weg. Realitätsverlust. Nicht umsonst kann Fremdgehen für den Betrogenen mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung verglichen werden. Die Symptome sind sehr ähnlich und in extremen Fällen auch behandlungsbedürftig.

Das Learning aber ist, dass nicht die Liebe zerstört wurde, nicht dein Herz gebrochen wurde, sondern das, was du Jahre und Jahrzehnte dafür gehalten hast. Der Panzer aus Illusion und falscher Romantik, Idealen und Moral, der fest mit uns verwachsen ist, zerbricht.

Was bleibt ist die rohe Liebe. Ohne romantische Schnörkel und moralisch anmutende Labels.

Manche Beziehungen überstehen diesen Erdrutsch an Realitätverlust. Andere haben ihre Beziehung so sehr auf dem Fundament einer Illusion aufgebaut, dass sie nicht mehr zu retten ist. Es bleibt schlichtweg nichts mehr übrig auf was man aufbauen könnte. Manchmal ist dann auch die Liebe alleine nicht genug.

Du stehst also vor diesem Scherbenhaufen und blickst auf das, was noch übrig ist.
Was siehst du? Ist da noch eine alles überstrahlende Liebe, die nun schöner denn je zum Vorschein kommt? Kannst du sie vielleicht zwischen all dem Schutt und der Asche erahnen, auch wenn du noch keine freie Sicht darauf hast?

Oder blickst du auf die Trümmer und erkennst, diese Beziehung hatte nie Substanz. Sie war von Anfang an ein Luftschloss, aufgebaut auf einem porösem Fundament. Billige Phrasen und Sprüche ohne Tiefgang, die mit Hollywood-Romantik zusammengeleimt waren?

Dieser Zusammenbruch ist immer traurig. Auch wenn wir erkennen können, dass wir einer Illusion von Liebe gefolgt sind, die nun enttarnt wurde, ist es dennoch traurig. Die Vorstellung etwas loszulassen, an das du so lange geglaubt hast, das so lange Teil deines Seins war, ist schwierig und traurig.

Es ist Zeit diesen Teil zu verabschieden. Stelle es dir vor wie eine weitere Schicht, die von dir abfällt und die dich näher an dein wahres Selbst, an deine wahre Liebe heranbringt. Es bringt dich näher zum Kern und du bist ein Stück befreiter.
Denke immer daran, das was weh tut, ist nicht die Liebe, sondern immer nur die falsche Vorstellung die wir davon haben.

 

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© Kathrin Weidner, 2018